PODIUM ESSLINGEN
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Forderer Logos

Wagners Ringlicht

Ein Text von Steffen Greiner

Die Dreharbeiten zu OK Tannhäuser haben begonnen. Zeit für erste Reflexionen.

TikTok: Mensch singt stumm ins Handy. Oper: Hundertzwanzig als „Ägypter“ verkleidete weiße Menschen ziehen mit Styropor-Zeptern und zweidimensionalen Gips-Sonnebarken unter den Augen eines von stoischen geölten Männern getragenen „Pharao“ vorbei, ein „Triumphzug“ in üppiger Kulisse zwischen Barock, Camp und Cringe.

Also, sagen wir mal so: Ohne die künstlerische Kreativität der immer wieder außergewöhnlich einfallsreichen content creators kleinreden zu wollen – die Grundvoraussetzung einer Oper scheint doch um ein paar Ecken aufreibender, aufwändiger und kostspieliger. Andererseits: Erreicht die TikTok-Aufführung eben schnell Millionen Menschen. Wenn nicht gerade „Aida”-Kitsch gegeben wird, bleiben insbesondere kleinere Häuser hingegen eher leer. Andererseits: TikTok ist ein Mitmach-Medium. Die Oper verpflichtet zum Zuhören.

Das soziale Medium TikTok und die Kunstform der Oper liegen scheinbar also meilenweit voneinander entfernt. Umso mehr: die perfektionistische Klang- und Bilderwut und -wucht Richard Wagners von der Ad-Hoc-Ästhetik des chinesischen Netzwerks. Und auch die traditionellen Rollenmuster, die „Tannhäuser“ zeichnet, scheinen sich nicht mit der so viel vielfältigeren Welt von TikTok zu vertragen. Wobei Wagners ritterlicher Held Tannhäuser natürlich als Gespiele der Liebesgöttin Venus eine sex-positivity mitbringt, deren Offenheit die Algoritmen von TikTok verwirren dürfte. Es ist also alles ein wenig komplizierter.

Wie macht man das also: Eine interaktive Oper für ein Soziales Netzwerk, oder konkreter: einen queeren „Tannhäuser“ für TikTok? Am Anfang: steht natürlich dennoch ein Mensch vor einem Handy. In lila Pullover, schwarzer Hose und Sneakern, wandert er zwischen Sofa, Bücherregal und seinem Studio, ein Musiker, offenbar, ein homme de lettre, scheinbar, aber auch: ein Suchender. Mauricio Hölzemann, 28, studierte erst Puppenspiel an der Ernst Busch in Berlin, dann Schauspiel an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Heute spielt er im Ensemble des Münchner Volkstheaters. Für PODIUM gibt er den Tannhäuser.

Dann gibt es ein Handy, ein neues iPhone, ein Stativ, ein Ringlicht, wie man das so kennt von den Iris-Spiegelungen des Instagram-Adels. Eine Dramaturgin – Flavia Wolfgramm, die für PODIUM zuletzt etwa die feministische Matinee beim Festival 2022 gestaltete und Teil des Hamburger f.e.t.t.-Kollektivs ist – und nicht zuletzt eine Regisseurin. Laura Tontsch heißt sie, eine Pionierin des digitalen Theaters, Ihr „Kult der toten Kuh“, Abschlussprojekt der Hamburgerin an der Zürcher Hochschule der Künste, gilt als Meisterwerk des digitalen Theaters. Die Bühne des partizipativen Stücks: Instagram.

Im „Kult der toten Kuh“ müssen die Zuschauer*innen selbst aktive Spieler*innen werden, um eine KI daran zu hindern, Menschen aus ihren Profilen zu verbannen – erfolgreiche Influencer*innen wie die verschwundene Aslı brauchen für den Algorithmus dy5m0-f342 keinen menschlichen Hintergrund mehr. Im Gegenteil, hindert der doch bloß an der idealen Reichweite. Die Mittel des Spiels ergeben sich aus der Logik von Instagram: Stories, Chats, Videos, Beiträge, man interagiert in der Gruppe der partizipierenden Zuschauer*innen, aber auch mit Charakteren. Mit „OK Tannhäuser“ dreht Tontsch die Schraube nun noch einmal weiter, spielt das Stück als Kommentar zur historischen Basis, mit der es stets flirtet, die es anzieht und verwirft.

Tannhäuser, ein electro-affiner Komponist, der die Welt der Sexpartys von Berlin erkundet, postpandemisches Utopia, das sich für ihn aber auch immer als Bürde erweist – Freiheit und Sehnsucht nach der Flucht in die Zweisamkeit, der Vertrautheit halten sich die Waage, widerstreben in seiner Brust wie einst beim gleichnamigen Rittersmann und Minnesänger. Natürlich gibt es aber auch Musik, eine Oper bleibt eine Oper, auch wenn Tannhäuser, das zeigen die ersten Drehtage in Berlin, durchaus reden muss: Dann lassen die Komponist*innen Rike Huy und Lukas Akintaya ihre Liebe für Jazz, Electro und freie Trompete scheinen und bringen Tannhäuser zum Tanzen.

Wer wird mit ihn begleiten? In die Dungeons der Stadt, über die Floors, wer wird seine Tanzschritte auffangen? TikTok handelt vor allen Dingen vom Mitmachen, von sich endemisch vervielfältigenden Momente, Girlanden von Antworten und Duetten. Wie klingt ein Sängerkrieg über Bluetooth-Boxen?

Die ersten Drehs haben gezeigt: In einem Studio-Loft in Charlottenburg, genutzt von zahlreichen Musiker*innen, u.a. auch von den Verbündeten vom STEGREIF.orchester, mit dicken antiken Teppichen und Retro-Synthesizern, das nach ersten Proben in Kreuzberg nun als Drehort zur Verfügung steht, ist Tannhäuser lebendig geworden. Als charismatischer schwuler Mann, der Wege sucht, ins Glück, aber auch hinaus aus dem Gift. Wir müssen uns Tannhäuser als okayen Menschen vorstellen.

In den nächsten Wochen wird weiter produziert, bis Ende Juli kommt das Team immer wieder zusammen, um Videos zu produzieren - und natürlich auch, um zu entscheiden, wie die Reaktionen der Community die Handlung und die Entwicklung der Tannhäuser-Figur in eine Richtung lenken, die vielleicht im Konzept noch nicht einmal denkbar war. „Ouvertüre” heißt der erste Teil, ganz stilecht. Einzig den Hinweis, dass die Handys bitte auf lautlos zu stellen sind, kriegt diese Produktion sicher nicht vorgeschaltet!

Fotos: Manfred H. Vogel