PODIUM ESSLINGEN
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Sieben letzte Worte - kein Erlöser am Kreuz

Ein Text von PODIUM Team

Nicht erst seit der Corona-Krise, aber sicherlich von ihr befeuert, gerät das Bewusstsein über eine Fülle nahender Krisensituationen in die Mitte der Gesellschaft. Unter jenen drohenden Gefahren ist vielleicht die Klimakrise die offensichtlichste. Gerade die jüngeren Generationen wachsen in eine Welt hinein, die von mannigfaltigen Weltuntergangsszenarien gezeichnet ist. Manche sind uns dabei beinahe vertraut, andere mögen noch jenseits des menschlichen Denkhorizonts liegen - das sichere, endgültige Ende des Universums etwa ist noch Jahrmilliarden entfernt. Dennoch werfen die Szenarien ihren Schatten voraus. Das Bewusstsein über die Endlichkeit des Seins, sei es auf der Mikroebene des Individuums, auf der Mesoebene des Ökosystems Erde oder auf der kosmologischen Makroebene, scheint eine Renaissance zu erleben. In der Frage, was angesichts dessen Hoffnung gibt, deutet sich ein Paradigmenwechsel an: Es kann weder um mehr Wachstum noch um ewiges Leben gehen - ein sicheres Ende, bzw. eine sichere Endlichkeit, erzwingen eher eine neue Sinnsuche in dem, was wir haben und in der Zeit, die uns bleibt. Hier berühren sich die Denkweisen des Barock, der Zeit, in der Joseph Haydn aufwuchs, mit den Denkweisen der jungen Generationen, insbesondere der um das Millennium Geborenen, die heute politisch ihre Stimme erheben. 

PODIUM sieht vor diesem Hintergrund gerade auch die Kunst in der Verantwortung, diesen Paradigmenwechsel aktiv zu begleiten und die Kraft der Musik zu nutzen, etwas hörbar und spürbar zu machen, was ansonsten durch wissenschaftliche Fakten über die Zukunft nur intellektuell begreifbar ist. Dazu muss sich die Kunst den gesellschaftliche Diskursen zuwenden und wie ein Seismograph Strömungen aufzeichnen und übersetzen. Zugleich kann und muss die Kunst ihrerseits Impulse in die Debatte geben, um dadurch den notwendigen Wandel zu befördern. 

Mit dem Projekt SIEBEN LETZTE WORTE - KEIN ERLÖSER AM KREUZ will PODIUM Esslingen der jungen Generation eine dringliche musikalische Stimme geben, die gesellschaftliche Relevanz von zeitgenössischer Musik aufzeigen und die Gedanken, Sichtweisen und Emotionen junger Komponistinnen einer breiten Öffentlichkeit nahe bringen. 


Künstlerischer Ansatz 

Musikalisch knüpft PODIUM mit dem Projekt an Joseph Haydns 1787 komponiertes Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz” an, holt es in die Gegenwart und aktualisiert seine Perspektive: 

Das aus sieben Sonaten-Sätzen sowie Vor- und Nachspiel bestehende Orchesterwerk Haydns war eine Auftragskomposition für den Priester José Saenz de Santamaría, Marqués de Valde-Íñigo, aus Cádiz und diente als musikalische Untermalung eines sehr rituell bestimmten Gottesdienstes am Karfreitag.

PODIUM ist überzeugt, dass es angesichts der Weltuntergangsszenarien und der aktuellen Situation in unserer Gesellschaft eines Perspektivwechsels bedarf: Statt - wie bei Haydn - Jesus als Stellvertreter für die Sünden der Welt zu opfern und seine letzten Worte als religiöse Glaubenssätze zu verstehen, werden sieben neue letzte Worte der Menschheit im Dialog mit der jungen Generation geschaffen und diesen dogmatischen Glaubenssätzen gegenübergestellt. Aus der endzeitlichen Zukunft sprechen diese Worte in unsere Gegenwart zurück – manches Ende ist zwar unabdingbar, aber die Kenntnis des menschlichen Schicksals muss nicht zu Hoffnungslosigkeit und Stagnation führen. Auch der Weg in eine Zukunft, die nicht offen erscheint, muss gestaltet und gegangen werden. Die Vertonungen dieser neuen Worte sollen eine hörbare Inspiration zum Wandel sein. Der meditativen Kraft des Ausgangswerkes wird dabei die Dringlichkeit der musikalischen Stimme junger Komponistinnen entgegengesetzt. Das entstehende zeitgenössische musikalische Werk - bestehend aus sieben Neukompositionen - soll in der Konsequenz aktuelle Debatten bereichern. 

Erste Projektphase im Herbst 2022 - Sieben Workshops mit Expert*innen

Die neuen letzten Worte entstehen in einem partizipativen Prozess, in dessen Zentrum insgesamt sieben Workshops mit Schüler:innen, Studierenden und Auszubildenden aus Esslingen und Tübingen stehen. Begleitet werden die jungen Gruppen von Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Auswahl der natur- und geisteswissenschaftlichen Expert:innen richtet sich nach verschiedenen Krisenszenarien der Gegenwart. In der Zusammenarbeit mit den Wissenschaftler:innen setzen sich die jungen Gruppen mit den jeweiligen Krisenszenarien und den sich daraus ergebenden Endzeit-Erzählungen auseinander und suchen im generationsübergreifenden Dialog nach sinnstiftenden Antworten und Lösungsansätzen.

Sieben Disziplinen

Soziologie/ Politologie 

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die Gesellschaft steuert in vielen Bereichen auf eine Spaltung zu. Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auf, politische Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber, die Entsolidarisierung nimmt zu. Gleichzeitig bedroht Populismus das liberale Gesellschaftsmodell und Demokratie erscheint nicht mehr das Regierungsmodell zu sein, das sich langfristig durchsetzt. Hierdurch vertiefen sich die Spaltungen auch international und neue Kriege drohen. 

Medizin 

„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ 

Das Verhältnis zum eigenen Körper und seiner Vergänglichkeit und Unvollkommenheit verändert sich durch den Fortschritt in der Medizin immer weiter. Zwischen der Sehnsucht nach ewiger Jugendlichkeit, technischen Erweiterungen (Cyborg-Diskurse), posthumanen Idealen und Pränataldiagnostik stellt sich die Frage nach dem Wert der eigenen Sterblichkeit ebenso wie nach der Wirtschaftlichkeit und der ethischen Rechtfertigung von medizinischem Fortschritt. 


Psychologie 

„Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ 

Alte Familienmodelle geraten ins Wanken. Zum einen eröffnen sich neue Freiheiten für das Individuum, parallel dazu verkümmern soziale Strukturen. Die Verarmung emotionaler Beziehungen wird durch social distancing und die Reduzierung auf die eigene Blase verstärkt. Insbesondere seit der Corona-Krise stellt sich die dringende Frage, wie die Zukunft von gesunden sozialen Gefügen aussieht und wie viel menschliche Nähe dazu gebraucht wird. 


Religionswissenschaften 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ 

Zu beobachten ist eine stärker werdende Sehnsucht nach Spiritualität und eine fortschreitender Säkularisierung und gleichzeitig ein sich ausbreitender Fundamentalismus. An was glauben Menschen, wenn die Welt untergeht? Was wird aus Religion auf der Gratwanderung zwischen Erzählungen von parallelen Wirklichkeiten und wissenschaftlicher Nüchternheit? 


Klimawissenschaften 

„Mich dürstet.“ 

Die Klimakrise hat die Menschheit jeden Tag mehr im Griff. Aus der Perspektive von Klima-Aktivist:innen erscheint die Weltpolitik wie gelähmt. Wie gehen wir mit der drohenden Unbewohnbarkeit weiter Teile der Erde um? Was bedeutet das für den einzelnen Menschen? Was muss sich ändern, damit wir als Menschheit neben einer diversen Pflanzen- und Tierwelt koexistieren können? 


Astrophysik 

„Es ist vollbracht.“ 

Aus kosmologischer Perspektive scheint eines völlig klar: wie auch immer das Schicksal der Erde und ihrer Bewohner:innen aussieht, der Kosmos findet - früher oder später - sein sicheres Ende. Auch wenn dies in unvorstellbarer zeitlicher Entfernung und in noch unklarer Art und Weise geschehen wird, fordert das universale Ende die menschliche Vorstellungskraft heraus. Zugleich kann diese Gewissheit den Menschen zu einer neuen Sinnfindung inspirieren. 


Informatik / KI 

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ 

Wie real ist das Science-Fiction-Szenario, dass die Menschheit mit künstlichen Intelligenzen eine ihr überlegene Lebensform erschaffen hat? Die alltägliche Umwelt ist in zunehmendem Maße durch technologische Vernetzung, Algorithmen und KI geprägt. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Algorithmus und bewusster Entscheidung verschwimmen dabei und es stellen sich Fragen wie: Wie frei ist der Mensch? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Mensch zu Maschine? 


Sieben neue letzte Worte

Inspiriert von den Impulsvorträgen, Diskussionen und Gesprächen mit der jungen Generation in der Workshops entwickelt jeweils ein*e junge*r Autor*in ein neues letztes Wort der Menschheit, das dem Glaubenssatz aus dem Originalwerk entgegengesetzt wird. Dieses neue Wort nimmt die Perspektive der Menschheit ein, richtet den Blick in die von der jeweiligen Disziplin durchleuchtete Zukunft und kann sowohl Mahnmal als auch gleichzeitig Hoffnung für einen Wandel in der Gegenwart sein. 

Eine Ausnahme von diesem Vorgehen ist das siebte Wort, welches - dem Thema entsprechend - von einer KI kreiert wird: eine von OpenAI geschaffene Textfortführungs-KI wird mit Statements der siebten Workshop-Gruppe trainiert und erarbeitet dann im Dialog mit der Künstlerischen Leitung von PODIUM Esslingen und den KI-Experten Dr. Johannes Stelzer und Prof. Dr. Dipl.-Ing. Cristóbal Curio (Hochschule Reutlingen) das finale Wort. 


Sieben Kompositionen

Die in dem partizipativen Prozess entstandenen neuen Worte sind die Grundlage für sieben Neukompositionen. Als Komponistinnen wurden sieben junge Frauen* ausgewählt, die mit ihren jeweils fünf bis acht Minuten langen Kompositionen ein Gegengewicht zu Haydns Originalwerk schaffen. Sie setzen sich mit dem Thema des neuen letzten Wortes auseinander und beziehen sich gleichzeitig auf den ursprünglichen Satz aus Haydns „Sieben letzte Worte des Erlösers am Kreuze”.


Als Komponistinnen konnten gewonnen werden:
Farzia Fallah

Emma O’Halloran

Anahita Abbasi

Luise Volkmann

Molly Joyce

inti figgis-vizueta

Ying Wang

Aufführungen im Rahmen des PODIUM Festivals 2022Vorbereitend für die große Premiere werden sieben Werkstattkonzerte gestaltet, in deren Zentrum jeweils die Neukomposition und der ihr gegenüber gestellte Haydn-Satz steht. Teil der Konzerte ist außerdem eine Präsentation des gesamten Prozesses, insbesondere des Inhalts aus den jeweiligen Workshops.

Die finale Fassung der Produktion SIEBEN LETZTE WORTE - KEIN ERLÖSER AM KREUZ besteht aus der kompletten Aufführung des Ursprungswerks von Joseph Haydn, wobei die einzelnen Sätze in den unterschiedlichen Fassungen gespielt werden, sowie der Präsentation der sieben Neukompositionen.

Auch atmosphärisch ist die Produktion von Haydns Werk geprägt. Er selbst beschrieb die Uraufführung mit den Worten „Man überzog an dem bestimmten Tage die Wände, Fenster und Pfeiler der Kirche mit schwarzem Tuche, und nur eine in der Mitte hängende Lampe von großem Umfange erleuchtete das heilige Dunkel.” Auch in der finalen Fassung der Produktion SIEBEN LETZTE WORTE - KEIN ERLÖSER AM KREUZ dreht sich alles um eine bewusst auf die Musik reduzierte Darbietung: Während der erste Konzertteil sich an dem Raumkonzept der Haydn’schen Uraufführung orientiert und in eine sehr dunkle, konzentrierte, meditative Stimmung eingebettet wird, breitet sich der zweite Teil auch optisch der Diversität der neuen Kompositionen entsprechend vielfältig aus. Ein wesentlich aufwändigeres Lichtkonzept begleitet dabei den multiperspektivischen Ansatz der sieben neuen letzten Worte und macht ihn intuitiv und emotional erfahrbar. 

Premiere feiert die Produktion während des PODIUM Festivals 2023, Folgekonzerte finden im August in Tübingen und Lüneburg statt, weitere Aufführungen u.a. in Berlin sind geplant.