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Ein Beitrag von I.V. Nuss
Ein rauschendes, wirbelndes Geräusch, dann Licht
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Ein Beitrag von I.V. Nuss
Ein rauschendes, wirbelndes Geräusch, dann Licht
Drei Lichter, im Dreieck, koordiniert über den Nachthimmel jagend. Ein Licht, direkt über dem Hügel. Ein Licht neben dem Mond, in konzentrischen Kreisen bewegend, dann dort! Eine Kugel, ein Dreieck, ein Feuerball, ein Diamant, ein Rechteck, eine Scheibe, ein Ei, ein waberndes Objekt, Konturen wandeln sich unaufhörlich. Schwebendes Dreieck, ohne Geräusche. Schiffe, glänzend, matt, dunkel, heiliges Licht, fahl-grünes oder blaues Licht, orange oder dunkelrot.
So oder so ähnlich klingen die Berichte der Sichtungen. In den letzten Tagen sah ich viel zu lange zum Nachthimmel. Man sollte den Himmel nie aus den Augen verlieren, denn etwas ist dort oben. Ich spüre ihre Anwesenheit. Ich spüre, dass jemand da ist, so wie ein tierischer Instinkt, als ob mich jemand gleich jagen würde.
Ich verfolge die Nachrichten aufmerksam: So viel Aktivität war hier noch nie. Zuletzt soll sogar eins in meiner Nähe gesehen worden sein, direkt beim Wald beim großen Autobahnkreuz und vielleicht haben auch Sie eines letztlich gesehen, liebe Leserin?
Die meisten UFO-Conventions lassen mich einsam zurück: Da sind zu viele merkwürdige Männer mit kruden Verschwörungstheorien, New-Age-Cloudbuster-Wilhelm-Reich-Shit, die zwar auch auf eine Art und Weise ein ehrliches Interesse an dem Fremden dort draußen haben, aber auch leider zu sehr an mir und ich hatte nun genug merkwürdige Dates mit labilen UFO-Theoretikern gehabt.
Glücklicherweise konnte ich in dem Verein KREIS eine Gemeinschaft finden, in der eine bunte Mischung aus Menschen sehr zarte und schöne Visionen von den Besuchern miteinander teilen – sowohl von Contactees als auch Abductees.
Das ist die zentrale Differenz bei der Begegnung mit der dritten Art: Die Contactees (die Kontaktierten) erzählen ganz heilsbringerisch davon, wie sie von den fremden Wesen aus einer fernen Welt mit einer Nachricht von Liebe und Frieden kontaktiert wurden – eindringliche Botschaften, die sehr an die Hippies erinnern, Flower-Power, das Ende der thermonuklearen Bedrohung und so weiter. Anders sind die Abudctees (die Entführten), die nicht viel Gutes in den Besuchern sehen: Sie wurden gewaltvoll eines Nachts entführt, ihnen fehlen Stunden ihrer Zeit, an die sie sich nicht erinnern können, ihre körperliche Integrität ist verletzt: Sie haben Angst und flüchten ihr ganzes Leben lang.
Genauso wie die Kontaktierten sehnen sich auch die Entführten nach dem Kontakt mit denjenigen, die ähnliches erfahren haben. Denn bei beiden Begegnungen können wir etwas sehen, dass der Autor Ira Livingston Alienism nennt: Eine Gemeinschaft, die durch das Erlebnis einer Fremdheit verbunden sind, die eine Faszination haben für genau das Alienhafte ineinander, etwas, das sie mit den gewöhnlichen Menschen um sie herum nicht teilen können. Durch das Alienhafte werden sie ein wenig nicht-identisch mit sich selbst, sie sind zerteilt, mehrfach da.
Bei KREIS treffen wir uns einmal im Monat und erzählen einander von den Formen der Raumschiffe, von dem Licht, von Nachrichten. Wir reden darüber, was es bedeutet, an die Besucher zu glauben, oder vor ihnen Angst zu haben. Was sind UFOs anders als Engel oder Dämonen, Boten Gottes oder des Teufels? Die Aliens sind genauso real wie alle übernatürlichen Kreaturen, in dem Sinne, als dass wir sie uns herbeisehnen oder fürchten.
Ich weiß selbst nicht, ob meine Begegnung mit den Aliens eine der Kontaktierten oder der Entführten ist, oder vielleicht etwas dazwischen.
Ich weiß aber, dass ich schon früh von dem Film „Mysterious Skin“ (2004) von Gregg Araki besessen war. Er entwickelte sich sogar zu einem Wohlfühlfilm – trotz seines drastischen Inhalts. Dort wird die Alien-Entführung zur Chiffre für sexuellen Missbrauch. Die beiden Jungen im Film, Neil und Brian, finden zueinander, weil sie vom selben Mann als Kinder missbraucht wurden. Beide gehen unterschiedlich mit der Erfahrung um: Während Neil sich prostituiert und an immer gefährlichere Männer gerät, flüchtet Brian in die Fantasie von Alien-Entführungen.
Ich muss sofort weinen, wenn Brian und Neil sich am Ende zum ersten Mal begegnen. Dann ist so offensichtlich klar, wie sehr sich diese beiden so unterschiedlichen Jungen gleichen. Es ist erschreckend, wie beruhigend dieser Film mit seinem Shoegaze-Soundtrack sein kann – wie das strahlende Blau eines UFOs. Aber das ist das Schreckliche an sexueller Gewalt: Sie kann Teil von einem werden, man kann fast glauben, sich wohlzufühlen im Dissoziieren, in der verschwundenen Zeit, an dem Ort, an dem man zu einer leeren Hülle wurde, durch die die Gewalt strömt.
KREIS hat mir gezeigt, dass ich Besseres verdiene. Immer.
Das UFO steht oft für eine verdrängte Erinnerung, ein Traumata; eine häufige psychologische Erklärung für die vielen Berichte der Entführten. Betroffene haben das Gefühl, da ist etwas Fremdes in ihnen. Es wurde ihnen als Kinder implantiert wie der Mikrochip der Aliens.
Die Erfahrung kann einen ganz auslöschen, wie Whitley Streiber in „Communion“ (1987) beschreibt, einem der bekanntesten Abudctee-Berichte: „‚Whitley‘ ceased to exist. What was left was a body in a state of raw fear so great that it swept about me like a thick, suffocating curtain, turning paralysis into a condition that seemed close to death. I do not think that my ordinary humanity survived the transition to this little room. I died, and a wild animal appeared in my place.“
Streiber beschreibt sehr eindringlich, wie er eines Nachts aufwachte, ganz klaren Geistes und ein rauschendes, ein wirbelndes Geräusch von draußen hörte. Dann sah er in dem durch das Licht der Alarmanlage beleuchtete Raum, im Kleiderschrank gegenüber seinem Bett herauslugend: das Wesen. Ein Grey.
Sie kennen die Greys sicherlich: Das ist die klassische Darstellung vieler Aliens, pop-kulturell heute so verankert, dass sie sogar zum Emoji wurden. Das Alien per se ist grau, hat einen großen Schädel und große Augen, ganz schwarz, als wären sie ganz Pupille. Die meisten Berichte beschreiben ähnliche Kreaturen und einige Theorien gehen davon aus, dass es sich um eine frühkindliche Erinnerung handeln könnte, dass wir die Erwachsenen als Neugeborenes genauso gesehen hatten, als wir aus Mutter in die Welt geholt wurden: mit großen Köpfen und Augen, perspektivisch verzerrt dadurch, dass sich alle zu einem hinunterbücken müssen.
Ich weiß nicht, was mir als Kind passiert war, aber ich weiß, dass mir meine Mutter immer erzählt, dass ich nichts mehr fürchtete als die Aliens. Die Greys. Dass sie kommen werden. Dass sie auf mich warten, überall. Ich trug immer eine Mütze auf dem Kopf, auch beim Schlafen, weil ich dachte, die Aliens hätten dann Schwierigkeiten an mein Gehirn zu kommen. Ich weiß genau, wie ich panische Angst vor dem Nachthimmel hatte. Vor der Dunkelheit und den Geräuschen, die der Wind mit sich trägt. Wurde ich vielleicht besucht?
Viele hier in KREIS berichten von ähnlichen Ängsten und aber auch darüber, dass sie sich neuerdings trauen, länger in den Nachthimmel zu schauen. Sich sogar nach den Besuchern sehnen: die Schläuche, ihre Finger, ihre Hände, die Augen, die brennenden Lichter, orange, weiß, gelb, Dreiecke, Stäbe, Linien in der Unendlichkeit.
Streiber beschreibt etwas sehr Kluges am Anfang seines Buches: „If something is strange enough, the reaction is very different from what one would think. The mind seems to tune it out as if by some sort of instinct.“
In der Verfilmung des Buches von 1989 sieht man Christopher Walken häufig einfach lachen, wenn er die Besucher sieht. Das ist keine Angst, sondern die zutiefst beunruhigende Erfahrung, dass wir Traumata nicht vollends lösen oder verstehen können. Wie soll man eine Wunde verstehen? Also wirklich verstehen, was die Wunde in einem macht, wie sie da einfach in der eigenen Seele haust, neben allen anderen Gedanken und Gefühlen, was genau denn Gewalt und was ein Riss ist.
Der Riss hat kein eigenes Sein: Er ist nur real in dem, was er aufreißt, um einen Durchgang zu hinterlassen, durch das Licht fallen kann.
Bei KREIS finden wir Heilung. Wir können nur hoffen, weiterzumachen, und – wenn wir dann das Schreckliche sehen, das große Ding am Himmel, das Licht, das unseren Verstand raubt und uns an den Rand des Wahnsinns bringt – dass wir dann lachen, etwas zu laut und schrill.
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Der obige Text, der im Festivalmagazin 2026 enthalten ist, erschien ursprünglich als Erfahrungsbericht in einer Werbebroschüre des K.R.E.I.S. e.V. („Kontakt. Resonanz. Einheit. Innere Sicherheit.“, laut offizieller Website), der im März 2028 zu tragischer Popularität gelangte, als alle Mitglieder der Gruppe plötzlich spurlos verschwanden. Die Räumlichkeiten des K.R.E.I.S. e.V. wurden durchsucht ohne Hinweise auf den Verbleib von Ivy Valerie Nuss; man fand nur einen großen, mit schwarzer Farbe auf dem Boden gemalten Kreis in einem der Seminarräume. Abdruck mit Genehmigung der Hinterbliebenen.
Über die Autorin
I.V. Nuss (*1994) lebt als freie Autorin in Berlin. Ihre Familie hat den größten Teil ihres Lebens an einem der größten und schönsten Atomkraftwerke Russlands gelebt. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, etwa beim open mike. Ihr Debüt „Die Realität kommt“ war für diverse Preise nominiert. Zuletzt erschien der Roman „R-O-N=O“ bei diaphanes.