„Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe“ – wie könnte man die Untertitel, die drei Abschnitte der knapp neunminütigen Komposition Arnold Schönbergs im Rückblick nicht prophetisch lesen? Entstanden ist die „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ op. 34 zwischen Oktober 1929 und Februar 1930, die Uraufführung in der Berliner Krolloper folgte am 6. November 1930. Drei Jahre war das, bevor ihm aus rassistischen Gründen die Professur an der Preußischen Akademie der Künste entzogen wurde, drei Jahre, bevor er erst nach Paris und kurz darauf in die USA emigrierte, bevor mit der Machtergreifung der NSDAP Europa in die Katastrophe stürzen würde.
Verlockend ist es, die Zwölfton-Komposition mit dem eigentümlichen Titel – trotz des Namens hat es Schönberg nicht für einen realen Film geschrieben, sondern nur einen imaginären – heute wieder als aktuell zu begreifen. Aber ist es denn so einfach? Die Machtverhältnisse in der Welt haben sich grundlegend verschoben, die technischen Gegebenheiten heute sind völlig andere und nicht zuletzt: der Sound der Zeit ist ein anderer. Schönbergs Komposition vom Ende der 1920er Jahre ist stark expressionistisch geprägt, erinnert an Murnaus „Nosferatu“, an Langs „Metropolis“ und „Dr. Mabuse“, an die große Ära des expressionistischen Stummfilms. Inspiriert haben ihn wohl die sogenannten „Cue Sheets“, Sammlungen von Musikvorschlägen zu unterschiedlichen Stimmungen und Emotionen, die die Musiker*innen an den Lichtspielhäusern frei zu Filmen und deren emotionalen Zuständen und Atmosphären kombinieren konnten.
Gleichzeitig ist da diese geradezu spöttische Distanz: Schönberg war zwar, so weiß man aus seiner Korrespondenz und seinem Nachlass, durchaus interessiert daran, Musik für Filme zu schreiben – aber mit der Filmindustrie selbst, mit der wollte oder konnte er nicht warm werden, selbst dann nicht, als er ab 1934 im Herzen des globalen Filmbooms, in Pacific Palisades in Los Angeles, leben sollte. Die technischen Möglichkeiten des Films faszinierten ihn, gleichzeitig befürchtete er, dass der Film die Oper verdrängen würde. Falsch sollte er damit nicht liegen.
Wie also kann man Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ heute neu fassen? Wie auf sie unter den gegenwärtigen Verschiebungen der Medienwelt reagieren? Was ist das Äquivalent zum Lichtspiel in der heutigen Zeit, was verdrängt heute das Kino und den Film?
Zumindest auf die letzte Frage ist die Antwort schnell gefunden: Kurzformvideos, wie sie auf Tiktok, Instagram oder YouTube verbreitet werden, als Memes, Reaction-Videos, oder mittlerweile auch ganz entledigt vom Faktor Mensch als sogenannter AI- Slop, als KI-Müll, sind die Medienrevolution heute, die alles verändert. Kann man aber diese Welten miteinander ins Gespräch setzen?
Der Abend im Autohaus Russ Jesinger will es versuchen: in der Industriekulisse der Werkhalle, zwischen Hebebühne und Werkzeugsammlung, trifft Schönbergs fast hundert Jahre alte Komposition auf gegenwärtige Filmmusik aus der Serie „Euphoria“ vom britischen Musiker Labrinth, aber vor allem auf zwei Uraufführungen der Komponist*innen Yuri Umemoto aus Tokio und Georgia Koumará aus Köln, alles umgesetzt vom jungen ensemble reflektor unter der Leitung von Xizi Wang. Sozusagen als „Meme-Suiten“, bilden die Kompositionen von Koumará und Umemoto den Kern des Abends, der gleichzeitig auch den Abschluss des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekts „tuned“ darstellt. Drei Jahre haben sechs Festivals im Rahmen des Projekts mit innovativen Modellen Ansätzen klassische Musik und zeitgenössische Spielformen zusammenzubringen. Die beiden „Meme-Suiten“ in Kombination mit Schönberg „Lichtspielscene“ werfen genau diese Fragen auf: wie kann Kunst auf zeitgenössische Medienformen reagieren und mit ihr arbeiten? Und was können wir daraus für das Heute mitnehmen?
„Natürlich gibt es viele Parallelen aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren, die man auf unsere Zeit projizieren könnte“, sagt Joosten Ellée, künstlerischer Leiter des PODIUM Esslingen und Dramaturg des Abends, „auch künstlerisch. Aber wenn man an die Internetkultur denkt, als die neue Medienform, die unseren Alltag stark bestimmt, da muss man auch bedenken, wie viel Inhalte produziert werden.“ Eine audiovisuelle Wegwerfkultur mit niemals endenden Feeds, in der Affekt Gefühle ersetzt, eine Masse an Inhalten, die durch ihre Endlosigkeit selbst, und ihrem dauernden Affektreiz schnell einem Gefühl der Überforderung und daraus resultierendem Nihilismus Raum gibt.
Eben diese Wegwerfkultur fasst das Projekt neu: was Ellée als „Lawine aus Videos und Content“ beschreibt, die über uns, das globale Publikum, hereingebrochen ist und deren Halbwertszeit im besten Fall so lange ist wie die Dauer des Videos selbst, wird hier archiviert und aufgewertet. Koumará und Umemoto schaffen sich ihren eigenen Videostream und kommentieren die Lawine aus Content mit eigenständigen Kompositionen.
Man könnte es als Umkehrung von Schönbergs Arbeit verstehen: er schuf Musik für Filme, die nicht existierten, die heutigen Filme existieren, aber sind nicht für aufwändige Musik gedacht. Wenn überhaupt, sollen sie von millionenfach kopierten „Trending Audios“, Songschnipseln, die viral gehen, oder gleich von KI-Musik begleitet werden. Doch Umemoto und Koumará schaffen Musik, die mit Orchester festhält, was „sonst als Wegwerfkultur konsumiert wird“, wie es Ellée ausdrückt. Statt Videos weg- und weiterzuwischen auf dem Screen, die dazugehörige Audiospur schon vergessen, während sie noch läuft, werden sie hier festgehalten. Es ist eine Art künstlerischer Widerstand, so beschreibt es Ellée, gegen das Diktat des schnellen Produzierens. Und damit auch gegen den der Meme-Kultur inhärenten Nihilismus der Überforderung. Die Auftragswerke halten fest, was sonst weggescrollt werden soll, und dieses Festhalten selbst drängt uns, das Publikum Selbstbefragung: Was sehen wir da eigentlich? Was erleben wir da eigentlich? Und vor allem: Was fühlen wir da eigentlich?